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Dieser Schnappschuss ist mir eigentlich mehr zufällig gelungen. Als ich versuchte die Blüte vom Hintergrund freizustellen, ist mir die Hummel 'ins Bild geflogen'. Ich habe die Aufnahme dann so gemacht, dass die Hummel gegen die Blüte 'freigestellt' wird.
Freistellen - was ist das? Und wie wendet man diese Bildgestaltungstechnik an?
Freistellen heißt, das Hauptmotiv aus dem Hintergrund des Bildes hervorzuheben. Dazu benötigt man eine geringe Tiefenschärfe, d.h. Objektive mit großer Blendenöffnung, mindestens F 4.0, besser F 2.8. Vor allem Makroobjektive sind fürs Freistellen geeignet, da sie von Haus aus konstruktionsbedingt eine eher geringe Tiefenschärfe haben.
Gelungene freigestellte Bilder sind etwas Übungssache, aber nicht schwierig, wenn man drei Grundregeln beherzigt.
- Fotographieren mit großer Blendenöffnung.
Bei guten Objektiven die Offenblende benutzen, ansonsten etwa 1 Blendenstufe abblenden. Wie alle Regeln ist das eine Faustregel, die man nicht sklavisch einhalten muss. Es hängt vom Motif und vom Hintergrund ab, wieviel Tiefenschärfe man braucht. Wenn der Hintergrund eher ruhig ist, kann man auch stärker abblenden (kleinere Blendenöffnungen benutzen), um die Tiefenschärfe des Hauptmotifs zu erhöhen. Hier muss man etwas experimentieren und am besten das gleiche Motif mit verschiedenen Blendenstufen aufnehmen, um dann das Bild, das einem am besten gefällt, rauszusuchen.
- Auswahl des Hauptmotifs und der Schärfeebene
Das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Hier muss man ein fotographisches Auge und Erfahrung haben. Man muss bedenken, dass bei Offenblende etwa 95 Prozent der Bildebenen unscharf sind und wenn die einzige scharfe Ebene falsch sitzt, ist das Bild ruiniert. Auch hier gilt, vor allem bei Blüten mit tiefen Kelchen, langen Petalen u.ä., ausprobieren und mehrere Bilder mit verschieden gewählten Schärfeebenen machen. Mit der Zeit bekommt man dann ein Auge dafür, wo die Schärfeebene hingehört.
Bei Tier- oder Personenaufnahmen ist die Wahl der Schärfeebene einfach. Die gehört immer aufs Auge, dann wirkt das Bild gelungen und scharf. Bei Natur- und Pflanzenaufnahmen ist die Festlegung schwieriger und oft auch vom persönlichen Geschmack abhängig, aber man hat hier ja Zeit - das Motif läuft nicht weg.
- Nah rangehen bzw. ranholen
Freistellen funktioniert bei Naturaufnahmen um so besser, um so zentraler und größer das Hauptmotif ist. Also nah rangehen oder Objektive mit langer Brennweite benutzen. Makroobjektive haben den Vorteil, dass man eine lange Brennweite (z.B. beim Canon 100mm F2.8 USM Macro mit Crop-Faktor eine Brennweite von ca. 160mm) und eine niedrige Naheinstellgrenze hat. Gut sind auch Festbrennweiten mit langer Brennweite und Offenblende von 4.0 oder darunter. Am schwierigsten sind gute Freistellungen mit 'Immerdrauf' Zooms (z.B 18-200mm), da hier im Zoombereich meist als Offenblende nur F 5.6 vorhanden ist und zusätzlich die Untergrenze der Scharfstellung bei 1.0 bis 1.5m liegt. Mit solchen Objektiven gelingen keine wirklichen Makroaufnahmen, aber unter günstigen Bedingungen durchaus auch noch eine gelungene Freistellung. Also munter drauflosprobieren!
Hier jetzt mal zwei Beispiele.
Es wurde jeweils das gleiche Motif unter zwei Bedingungen aufgenommen, das jeweils linke Bild mit offener Blende (F 4.5 bzw. F 4.0) für geringe Tiefenschärfe und das jeweils rechte Bild mit relativ geschlossener Blende (F 11.0 bzw. F 13.0) für mehr Tiefenschärfe. Beide Aufnahmenpaare sind unter sonst identischen Bedingungen mit der Canon 20D und dem Canon 100mm F 2.8 USM Makro aufgenommen.
Freigestellt (F 4.5) |
Nicht freigestellt (F 11.0) |
Freigestellt (F 4.0) |
Nicht freigestellt (F 13.0) |
Nun zur Bildkritik:
Technisch ist gegen die nicht freigestellten Aufnahmen nichts einzuwenden. Sie sind scharf und korrekt belichtet. Aber sie wirken irgendwie nicht besonders oder sind langweilig. Kategorie "schönes Bild" (siehe Nachbar Kurt ).
Bei dem Blumenhartriegel stört mich, dass das breite Blatt in der Mitte knackscharf ist. Es zieht den Blick auf sich, da es in der Mitte des Bildes liegt, hat aber mit dem Motif nicht zu tun. Bei längerem Betrachten stört dann auch, dass die beiden hintersten Blüten nicht wirklich scharf sind. Das Bild ist insgesamt nicht schlecht, hat aber keine Botschaft.
Im Vergleich dazu hat das freigestellte Bild eine 'Story'. Der Blick wird sofort von den scharfen Blüten im Vordergrund angezogen. Das erwähnte Blatt in der Mitte ist unscharf und fällt daher nicht so ins Auge. Das wichtigste Gestaltungselement (und der Grund warum ich diesen Ausschnitt gewählt habe) ist der Bogen der Blüten, die immer unschärfer werdend im Hintergrund des Bildes verschwinden. Dieses Motif geht beim nicht freigestellten Bild vollkommen unter.
Das zweite Paar, Bergenienblüte vor Salomonssiegel, habe ich nur zu Demonstrationszwecken aufgenommen. Bei der nicht freigestellten Variante springt das Auge von der Bergenienblüte zum Hintergrund und wieder zurück. Man kann sich nirgends richtig festhalten. Das Bild wirkt unruhig und flach, ohne Tiefenwirkung.
Anders die freigestellte Variante. Die Bergenienblüte ist das klare Hauptmotif, der Hintergrund verschwimmt zu einem grünen Teppich mit weissen Tupfern. Wenn man sich die Bergenienblüte mit kräftigeren Farben vorstellt, wäre es ein wirklich gelungenes Bild, das nicht von einem kleveren Bildausschnitt o.ä. lebt sondern nur von der Freistellung.
In meiner Galerie findet Ihr weitere freigestellte Makroaufnahmen als Anregung. Hier klicken!
Oder alternativ hier als Flash-Galerie. Hier klicken!
Viel Spass beim Anschauen und selbst Ausprobieren!
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